Hier finden Sie eine Auswahl von Essays, die Henning Schmidtke für das Magazin "Der TagesSatz" geschrieben hat,
Ja, Popmusik ist eine Mogelpackung. Sie prahlt mit gesellschaftlichen und modischen Gegenentwürfen oder gar mit emanzipatorischen Impulsen. Aber wenn man ehrlich ist, hat es seit Woodstock politisch und sexuell nicht mehr richtig gekracht. Mögliche Ursache: Der ganze Musikbetrieb ist Männersache.
Keine Kunst wandelt und entwickelt sich so schnell wie die Popmusik. Von jetzt auf gleich entstehen neue Beats, verschmelzen konträre Stilarten und werden neue Helden geboren. Die rastlosen Bilderwelten von MTV und VIVA flimmern und fiepen wie ein lebender Organismus, der sich bei fortlaufender Zellteilung täglich erneuert. Das glänzt alles so neu, so frisch, so modern - fast übersieht man, dass der Pop weit hinter dem zurückbleibt, was man ihm an gesellschaftlich erneuernder Kraft zutraut.
Bis auf wenige Ausnahmen haben allerorts Männer die Kontrolle in der Popmusik. Dabei schocken weniger die männlich besetzten Chefsessel bei EMI, Universal oder BMG. Musik ist ein Business wie jedes andere, und da lassen sich die Männer bekanntlich nicht reinreden. Alarmierender ist schon, dass unter den stilprägenden Künstlern einer Musikrichtung nie Frauen zu finden sind und allgemein weibliches Erleben jenseits von „you make me hot“ in der Popmusik völlig unterrepräsentiert ist. Nach wie vor machen die Männer ihr eigenes Ding. (Den lebensfrohen Sexismus amerikanischer Ghetto-Rapper klammern wir hier mal ganz aus.) Bands mit geschlechtlicher fifty-fifty Besetzung sind rar. Lediglich Frontfrauen von Rockbands prägen seit einigen Jahren das Straßenbild des Pop. Immerhin spricht dann mal eine Frau im Interview, aber vor allem sieht sie gut aus und bildet eine praktische Achse in der optischen Symmetrie der Videos.
RITUELLES BALZDRÖHNEN
Neuerung und Emanzipation sind der großen Popmaschine wesensfremd, denn sie fixiert Geschlechterrollen genau so strikt, wie andere Lebensbereiche es tun. Schon in der Pubertät gehen Jungen und Mädchen verschieden mit Musik um. Während Laura-Jeanette ein kleiner Ghettoblaster unterm Schminkspiegel genug ist, um beim Song der Boygroup vom Ersten Mal zu träumen, stöpselt der gleichaltrige David nebenan mit Cinch-Kabeln seine erste Komponenten-Anlage mit 200 Watt zusammen. Denn der Boy drückt mit der Musik zuallererst sich selbst aus, und da ist Lautstärke das erste Balz-Argument. Jungs wollen imponieren, Mädchen bewundern. Genau diese Aufgabenteilung erklärt nach meiner Theorie die männliche Vorherrschaft besonders in der Rockmusik. Es sind fast nur Jungen, die sich ab dem 13. Lebensjahr mit Gitarre oder Turntable auf eine Bühne stellen, weil es verdammt laut ist und größer macht. „Rituelles Balzdröhnen juveniler Menschenmännchen“, würden Verhaltensforscher witzeln.
MÄNNER-MIKROSKOP
Auch die gehobene Pop-Journaille bleibt ein männlicher Herrschaftsbereich: Da wird seziert und geschrieben wie in der Naturwissenschaft – wenn auch zeitgeistiger formuliert. Für jede neue Scheibe wird genauestens herausgearbeitet, was unterm Laser-Mikroskop des CD-Players zu liegen kam. Ist das nun noch House oder schon Techno? Sorgt das Gitarrenbrett für Metal- oder Thrash-Anteile? Mit der Klassifizierungswut eines Biologen oder Schmetterlingssammlers wird da jede morphologische Auffälligkeit ins Bestimmungsbuch notiert. So was machen nur Männer. Aber sie können noch mehr: Was eigentlich als Produktinformation für den mündigen Plattenkäufer bestimmt war, ist längst zum Tummelplatz schreibender Potenz-Eumel avanciert, die in 10 Zeilen ihr gesamtes stilistisches Können vor sich her tragen. Nach der Lektüre weiß man oft nichts über das Album, aber schon viel über den Autor. Meistens war’s ein Mann.
Camping ist sinnlos. Häuser gibt es überall. Niemand braucht ein Zelt. Und Campen täuscht ein billiges „back to nature“-feeling vor, dabei ist es in Wahrheit nur verkappte Warmduscherei.
Die Isle of Skye in Schottland, Ende April. Auf einem Campingplatz im Norden der Insel trottet ein halbes Dutzend junger Mitteleuropäer mit Kulturbeuteln zum Waschverschlag. Es ist nebelig, ein schneidender Wind weht und es regnet, durch das Geröll des Trampelpfades ziehen sich wachsende Rinnsäle und fließen in das umliegende Erdreich, das bei jedem Tritt gluckst wie ein nasser Schwamm. Die Welt besteht hier nur noch aus Regen, Felsen und ein paar Gräsern. Was in aller Welt machen die jungen Menschen hier in ihren klammen Zelten? Was spricht gegen trockene und bequeme Hotelbetten? Gegen Sonne und Frühstücksbüffet? Die Gelassenheit, mit der die Backpacker durch den Regen stapfen, signalisiert: Bequemlichkeit ist hier uncool, denn diese Feuchtcamper huldigen ja gerade der Beschwerlichkeit des Daseins unter freiem Himmel. Der vorübergehende Verzicht auf Geborgenheit und die Annehmlichkeiten moderner Behausungen mag zwar auch eine Stilfrage sein in dieser rauen, unverfälschten Landschaft Schottlands; vor allem aber schwillt hinter dünnem Zeltstoff die Ehrfurcht vor der Natur und steigert den Erlebniswert. Wer sich ausliefert, erfährt alles intensiver.
KONSERVIERUNG DER MÜHSAL
Je mehr der Mensch mithilfe der Technik die Beschwerlichkeiten des Daseins bewältigte, desto mehr fanden sie den Weg zurück in sein Leben: als Freizeitspaß.
Bevor die ersten Dampfschiffe die Ozeane fahrplanmäßig überquerten, kämpften Seefahrer auf Segelschiffen gegen die Unwägbarkeiten von Winden und Strömung. Heute ist das umständliche Segelsetzen die beliebteste Wochenend-Entspannung für Anwälte und Architekten mit Wohnsitz in Bremen. Zulande reiste man noch vor 200 Jahren nur auf dem Rücken eines Pferdes oder in einer rappelnden Kutsche. Heute geht der Mercedes mit 180 km/h und ohne nennenswerte Vibration in die Kurve, damit wir rechtzeitig auf dem Reitplatz sind. Ein Haus ohne Zentralheizung hat in Deutschland Exotenstatus, andererseits beneiden wir unsere Nachbarn um ihren Kamin, in dem abends die Scheite prasseln, egal wie viel Arbeit das macht. Sogar das Holzhacken wird da zum sinnlichen Vergnügen.
ABENTEUER AN DER SICHERHEITSLEINE
Camping vereint all diese wieder entdeckten Beschwerlichkeiten: das Ausgeliefertsein an Wind und Wetter, Nomadendasein, unbequemes Sitzen, Kochen über offenem Feuer, einfaches Essen und den Verzicht auf formschönes Design. Die Notwendigkeit diktiert hier alles, und man feiert die Schönheit des Provisoriums. Aber warum eigentlich fühlt man sich im Camping-Stuhl wohler als auf der Couch daheim, warum schmeckt hier die Tütensuppe besser als manches 3-Gänge-Menü? Die Mühsal wird genießbar, weil sie letzten Endes eine künstliche ist. Wir haben Spaß daran, in einem nassen Zelt zu sitzen, weil zuhause die trockene Wohnung mit Couch und Mikrowelle auf uns wartet. Unser Abenteuer funktioniert nur an der Sicherheitsleine. Insofern geht es beim Zelten viel weniger um Romantik als wir angenommen hätten. Campen ist eben kein wirkliches Ausgeliefertsein und kein Verzicht, sondern im Gegenteil der wahre Ausdruck unseres Luxus. Im Grunde vergewissern wir uns nur, wie beschissen es da draußen ist, um die Bequemlichkeit unserer modernen Welt umso mehr zu spüren. Der Marsch durch den kalten schottischen Regen ist Warmduschen unter anderem Vorzeichen.
Wer wollte mit Peter Handke zusammen wohnen? Keiner. Oder mit Elfriede Jelinek? Um Himmelswillen! Deswegen konnten die auch keine WG-Romane schreiben. Mittlerweile gibt es sozial kompatible Autoren, die den alltäglichen Wahnsinn gewissenhaft und doch höchst unterhaltsam protokolliert haben: Oliver Uschmann („Hartmut und ich“) und Nadja Sennewald (schöner_wohnen.doc“).
Die WG als warmes Nest oder Konflikt-Börse bietet das ideale Setting für 1001 Geschichten. Also vielleicht steht hier ein neues Genre in den Startlöchern? Der WG-Roman? „Hartmut und ich“ wird übrigens als „Männer-WG-Roman“ beworben - ein ärgerlicher PR-Schnitzer des Verlags, denn dass hier Männer am Werk sind, diktiert zwar etwas den Themenkatalog der Storys, ist aber ansonsten total egal. Das „Männer“-Label führt nur zu falschen Vermutungen über einen politisch äußerst korrekten und reflektierten Autor. Hartmut und der Ich-Erzähler bilden eine 2erWG im Herzen des Ruhrpotts. Hartmut ist Philosophiestudent mit Ziegenbart und „ich“ dauerjobbt als Packer bei UPS. Der Titelheld praktiziert am laufenden Band Strategien gegen den Irrwitz des modernen Lebens und ist dabei seinem Mitbewohner immer um einen Schritt voraus.
HOBBY-SKLAVENHALTER
Hartmut kämpft gegen den Spam- und Konsumterror, indem er jedes Angebot tatsächlich bestellt - vom Online-Lotto bis zur Penisverlängerung („Subversion durch Affirmation“). Aber auch bei anderen versucht er missionierend zu wirken, wenn er die Alltagsrassisten beim Lokalfußball als Hobby-Sklavenhalter provoziert oder in seiner Straße für menschliche Wärme sorgen will, indem er einfach bei allen den Strom kappt („Zusammenschweißen durch Not“). Im Grunde geht es hier um nichts Geringeres als um die Frage, wie man aufrichtig und moralisch-politisch korrekt durch diese Welt gehen, sie womöglich verändern kann. Diesen harten Tobak kredenzt Uschmann dem Leser über mehr als 200 Seiten und übertreibt dabei lustvoll und mit Sinn für skurrile aber folgerichtige Pointen.
GENERATION R4
Auch Nadja Sennewald hat viel Spaß vor solch ernstem Hintergrund. Ihre WG ist im studentisch-linken und Öko-Milieu angesiedelt. Ihr „schöner_wohnen.doc“ porträtiert in Tagebuchform liebevoll die Nachfahren der 68er-Generation. Der Detailreichtum ist vergleichbar mit „Generation Golf“, und lässt „schöner_wohnen.doc“ als politische Ergänzung zum Mainstream-Sammelsurium von Florian Illies denken. Über lange Passagen referiert die Ich-Erzählerin Theorien und Gedankengebäude ihrer Mitbewohner oder sinniert selbst über die Fallstricke ihres Daseins oder trashige Zahnbürsten. Und das ist durchaus spannend.
RAVER-AKNE
Denn die Verbissenheit der Sinnsuchenden („zwischen Studium und irgendwelchen unterbezahlten Pissjobs“) ist urkomisch, und der Roman bietet Überblickswissen zu unterrepräsentierten Themen wie der Star Trek-Philosophie, antihierarchischen Möbeln, Cyberfeminismus oder den theoretischen Grundlagen des Beine-Rasierens. Nicht zu vergessen auch die Warnung vor der weithin unterschätzten Raver-Akne!
LÄSTERN ÜBER LINKE
Nadja Sennewald legt die Komik in der Kompromisslosigkeit von Klischee-Ökos und Alt-Autonomen rücksichtslos offen, aber das geht in Ordnung, denn hier schreibt ja eine, die selbst dazugehört, und somit bleibt die Zurschaustellung immer fair und verständnisvoll.
Im WG-Roman lässt sich moralinfrei über Moralisches schreiben, die schlimmsten Ungerechtigkeiten und Verfehlungen der Welt kann man anprangern, ohne im geringsten auf die Spaßbremse zu treten. Uschmanns Hartmut ist dabei eine literarische Allzweckwaffe im Kampf gegen die bescheuerte Gegenwart. Und der Kampf ist noch lange nicht zuende. Auf der Website www.hartmut-und-ich.de gibt es schon neue Heldengeschichten.
Der größte Feind der Kino-Illusion ist der Kinosaal. Wenn auf der Leinwand ein Monster das andere jagt, gibt es Momente, in denen man die Illusion der Bilder durchschaut und sich des Kinosessels bewusst wird, in dem man sitzt. Um das zu verhindern, zückt Hollywood seine größte Geheimwaffe: das Sounddesign.
Am Ohr hängt die Seele, hat ein Wissenschaftler gesagt. Und Recht hat er: Akustische Reize sind nämlich ruck zuck im Zwischenhirn, wo die emotionalen, und körpergebundenen Funktionen des Gehirns angesprochen werden. Das Auge ist ein eher analytisches Organ, da wird viel an Daten ausgewertet, bevor ein Endergebnis als Bild vor unserm Geist entsteht. Und das ist oft nicht mal korrekt. Diesem Umstand verdanken wir, dass Film funktioniert. Mit lächerlichen 24 Bildern pro Sekunde wird dem Gehirn vorgefuchst, dass sich da etwas bewegt. In Wahrheit betrachten wir eine sehr schnelle Diashow.
SCHMATZEN, GLUCKSEN, SCHWABBELN
Als Filmemacher anfingen, Aliens, Saurier und Schleimgetier aus Latex oder Pixeln zu erschaffen, wurde eine Sache schnell klar: Der Sound entscheidet darüber, ob das Monster zum Weglaufen oder zum Kuscheln animiert. Ein Alien geht uns erst dann an die Nieren, wenn es auch akustisch überdimensional schmatzt, gluckst und schwabbelt. Das bedrohliche Grunzen schraubt man im Tonstudio am besten mit Frequenzen unterhalb von 30 Hz zusammen, denn je tiefer die Frequenz, desto höher der Puls beim überrumpelten Kinozuschauer. Panzer oder Urzeit-Monster etablieren ihren Schrecken durch tiefstes Dröhnen. Leider müssen in diesen Szenen die Lautsprecher des heimischen Aldi-Fernsehers passen. Der neumodische 5-Kanal Dolby-Surround-Schnickschnack bietet da klanglich Abhilfe, steht aber für mangelnden Respekt vor den Nachbarn.
FETTE SCHÜSSE, KNUFFIGE KÄFER
Mit der Zeit und dem Einzug der Digitaltechnik konnte immer mehr Sorgfalt auf die (nicht-musikalische) Tonspur verwendet werden. Die Klangbastler von heute sitzen tagelang am PC und schieben „Wave-Dateien“ hin und her. Derart handhabbar, werden Tonaufnahmen heute geschichtet, gefiltert und gemixt, bis neue Klänge entstehen. Und die werden dringend gebraucht, denn wie Gary Rudstrom, Sounddesigner von „Terminator 2“, meint: „Die Klänge der Alltagswirklichkeit sind nicht interessant genug.“ Und so werden schon mal die Nachhallzeiten von mehreren Schüssen zu einem einzigen zusammengemanscht, um das Ganze „noch fetter“ zu machen. Besonders Zeichentrick- oder Computeranimationsfilme wie „Toy Story“ werden erst durch meisterhaftes Sounddesign so knuffig. In der Pixar-Produktion „Das große Krabbeln“ wurde jede insektische Hauptfigur mit individuellen Fluggeräuschen ausgestattet. Da kombinierte man echte Fliegengeräusche mit Flugzeugmotoren oder brachte durch Pusten ein Blatt Papier zum Flattern, um eine Vielfalt von Insektensurren zu erzeugen.
SUPER-GAU IM KINOSAAL
Der Sound ist so gnadenlos wichtig, dass es bei Strafe untersagt wäre, ihn wegzulassen. Musik ist nicht immer notwendig - manche Filme haben überhaupt keine und sind gerade deswegen Meisterwerke (z.B. Hitchcocks „Die Vögel“ )-; auch Geräusche dürfen komplett verschwinden zugunsten von Musik. Aber Stille ist tabu. Sekundenlange Dunkelheit gibt es in Filmen häufig, wirkliche, absolute Stille dagegen nie. Wenn doch, wie in Kubricks „2001- Odyssee im Weltraum“, sind die Zuschauer irritiert, und nicht wenige tippen auf einen Ausfall der Lautsprecher. Das Resultat einer hundertprozentigen Schallunterschlagung im Film ist absolute Künstlichkeit, mit der man selbst heute noch provozieren könnte. Eine minutenlange Auto-Verfolgungsjagd ohne Ton würde zum größten anzunehmenden Film-Unfall führen: Man würde bemerken, dass man im Kinosaal sitzt, und dann ist es aus. Wenn Hollywood könnte, würde es Kinosäle abschaffen. Aber vorerst reicht das Sounddesign, um uns in Schach zu halten – ohne dass wir es merken.
Gibt es überhaupt noch Tabus bei uns durchgedrehten Profi-Komikern? Oder haben wir mit unseren unterirdischen Ferkeleien schon längst Hausverbot in sämtlichen Bars von Sodom und Gomorra? Und was waren überhaupt Tabus?
Bielefeld im Dezember 2005. Gutgelaunt beginne ich meinen Soundcheck in der Location der „Figaro Show“ von TV-Komiker Ingo Oschmann. Wie die meisten Comedy-Kollegen kenne ich das Publikum hier nur in Party-Stimmung. Alle lieben Bielefeld. Ich plane eine Weihnachtsgeschichte vorzulesen, in der verschiedenste Krüppel eine wilde Party feiern und mit ihren Behinderungen jede Menge Spaß haben – trotz einiger Grenzüberschreitungen ein Jux, den jeder Zivi munter abfeiert. Aber dann kommt, was kommen musste: Während ich auf der Bühne noch meine Kabel verlege, werden drei Rollstuhlfahrerinnen in die erste Reihe geschoben und strahlen mich erwartungsfroh an. Was nun? Wie weit darf man gehen für den Gag? Das ist wie eine Gleichung, die man jeden Tag neu lösen muss. Hängt ja auch sehr vom Publikum ab.
SIE KRIEGEN IHR GELD NICHT ZURÜCK!
Ich war schon mal Zeuge, als mitten in einer Vorstellung aufgescheuchte Damen mit Handtasche im Anschlag ihr Geld zurückverlangten. Ich fand die betreffende Nummer auch daneben, hätte aber als Kassierer auf die Freiheit der Kunst verwiesen und die Kohle für futsch erklärt. Comedy bucht man ohne Geld-zurück-Garantie. Oder? Ist Comedy nun Kunst oder Dienstleistung? Die Leute bezahlen dafür, dass sie einen netten Abend haben, andererseits kann man als Comedian nicht die Schmerzgrenzen jedes Zuschauers hellseherisch mit einrechnen. Allen kann man es sowieso nicht recht machen. Bestimmt wurde auch Heinz Schenk mal von angepissten Zuschauern mit Bembeln beworfen. Erklärte Humor-Softies sind mit Harald Juhnke und dem MDR gut bedient und sollten bei extremem Leidensdruck nach Feuerland auswandern und auf’s Meer gucken.
ROCK’N’ROLL IN DER KONSENSFALLE
Bei aller Patzigkeit: Comedians nehmen sich jede Kritik zu Herzen. Schließlich geht man auf die Bühne, um geliebt zu werden. Anders läuft’s auch gar nicht. Niemand auf der Welt lacht gegen seinen Willen. Um einen Konsens mit dem Publikum, vielleicht sogar Opportunismus, kommt man bei allem Rock’n’Roll auf der Bühne gar nicht herum. Und sitzt so manches Mal in der Falle wie ich in Bielefeld. Wenn nur eine einzige von hundert Personen verletzt werden könnte, bin ich jedenfalls sehr vorsichtig. Im Fernsehen ist das anders. Wenn Millionen mitlachen, kann man locker hundert beleidigen. Stefan Raab, Kurt Krömer und Oliver Pocher sind die neuen Haudegen der TV-Unterhaltung und benutzen alle dieselbe zweifelhafte Wunderwaffe: die Verhöhnung der Schamgrenzen, vor allem die professionell betriebene Respektlosigkeit. Und das ist kein Zufall.
RÄCHER DER ENTRECHTETEN
In Zeiten unsicherer Jobs und totaler Unterwürfigkeit vor jedem Chefsessel, wo man zwischen Gedachtem und Gesagtem eine scharfe Trennlinie ziehen muss, wird auf dem Bildschirm Tacheles geredet. Respektpersonen und coole Typen werden vom noch cooleren Pocher/Krömer/Raab mal so richtig cool verarscht. Auch heute brauchen wir Narrenfreiheit: Stellvertretend für den stummen Zuschauer poltern Raab und Co durch die Promi-Landschaft und sagen, was sich sonst keiner traut. So weit macht das großen Spaß. Leider sind sie sich auch für tumbe Beleidigungen wehrloser Normalos nicht zu schade: „Du siehst ganz schön alt aus für dein Alter“. – Den Preis für diesen coolen Spruch konnte Pocher dank optimaler juristischer Betreuung von 25000 auf 6000 EUR drücken. Solchen Wegzoll an der Grenze des guten Geschmacks bezahlt er locker aus der Kaffeekasse und profitiert noch von dem Rummel. Als Promi kann er gar nicht verlieren. Vielleicht ist es deshalb mittlerweile Teil der Show, dass sich TV-Mieslinge wie er vermieten oder im Ring live auf die Fresse kriegen – damit die Gleichung am Ende wieder stimmt.